Dienstag, 22. Juni 2010

Es geht um dich.

Es geht um dich,
du späte Nacht,
um den der lange
in dir wacht.
Du Wunder bist,
für Unbegriffene,
sich selbst Komplex
und Ungeschliffene,
für rohe Köpfe
und offene Hände,
Luxusgeschöpfe,
unberührtes Gelände.
Du bist die Ära
der Ungehaltenen,
die überquellen,
vielen Gewalten
die andere Wange
auch noch hin halten.
Späte Nacht,
schlägst in Gesichter
Dunkelheiten,
drohst mit toten Lichtern,
Schwarztönen die streiten,
bis der erste Vogel
den letzten wachen
Menschen erschreckt,
wirst du das machen,
was bloß keinen weckt
und Übriggebliebene
taumeln lässt,
zwischen Kotze und Liebe,
viel Strafe, wenig Hiebe,
sie dir aneignest,
einverleibst
in ihre Kammern treibst.
So ehrenwert
Auch deine Absichten
Sein mögen:
Ich weiß,
nie kann ein Dunkel
das andere Dunkel töten.
Also bin ich das Licht.
So ungewollt.
Es geht um dich,
du späte Nacht.

Dienstag, 8. Juni 2010

Gute Nacht- Louise Bourgeois

Manchmal möchte man einfach nur „Gut Nacht…“ sagen.
„Gute Nacht“-sagen heißt den Tag zu erwarten.
Ein „Gute Nacht“ ist die Floskel, die den Abend ignoriert,
den Abschied verhöhnt.
Dann schläft man mit der Sonne im Rücken auf dem Bauch ein.
Im Kreuz ist es schon wieder hell, wenn die Dunkelheit die Welt überfällt.
Manchmal möchte man einfach nur „Gut Nacht…“ sagen.
Denn niemand verläuft sich wenn er liegt
Und niemand verliert etwas im Bett.
Immer rauscht der Atem ins Kissen
Und immer ist man ein Mal allein.
In der guten Nacht gehört man nur sich selbst.
Sogar vor dem Mond, dem Repräsentanten, schließt man die Augen.
Das ist blanker Hohn, die Zeit vertrödeln,
bis der Tag einem Feuer unterm Hintern macht.
Aber manchmal möchte man einfach nur „Gut Nacht…“ sagen,
weil die Nacht nur die Hälfte des Ganzen ist,
und das „Guten Morgen“ die Bedingung des Schlafs.
Man sagt eigentlich: „Wir sehn’ uns“ oder „Du weißt was zu tun ist.“
Oder „Wenn du aufwachst bin ich immer noch da.“
Wie hilflos man ist im Schlaf.
Wenn das Herz den Geist aufgibt, gehört der Kopf der Erde.
Wie mächtig man ist im Schlaf.
Kein Fehltritt, obwohl die Zeit läuft.
Sich die Zeit nehmen und Uhren ignorieren.
Wenn man um 11 aufstehen muss, wacht man auch um 11 auf.
Manchmal möchte man einfach nur „Gut Nacht…“ sagen,
denn das heißt Happy End.

Und was sagt man dann wenn jemand tot ist?
Wo ist das gute Ende? Wo ist das „Gute Nacht“?
Ein letzter Atemzug im Kissen riecht nicht halb so gut, wie ein Nächster!
Ein Trödeln ohne Blut in den Adern ist nicht halb so verrückt,
das Alleinsein ohne dabei zu sein ist nicht halb so stolz.
Wenn jemand geht, lässt er eben die andere Hälfte zurück.
Den Morgen danach, den ersten Vogel, die volle Blase:
Jemand verliert sich im Bett.
Und ich sage „Gut Nacht…“,
weil ich will, dass er irgendwo wieder Aufwacht.

Sonntag, 6. Juni 2010

Die knarre aus Holz

Kinder sind gestört.
Kinder sind gestört und unheimlich.
Man muss nicht „The sixth sense“ gesehen haben um zu wissen,
dass sie mit Toten befreundet sind.
In Bärchen-Pyjamas, Barfuß, Topffrisur, fahles Gesicht-
Sie stehen einfach nur da und verziehen keine Miene,
als wüssten sie nicht, dass sie gestört sind.
Ihr Kopf ist noch nicht von dieser Welt,
bevor die Pubertät ihn nicht gewaschen hat.
Noch klebt Dreck an den Kinderhänden,
ohne dass jemand weiß, woran es sich die Hände überhaupt schmutzig gemacht hat!
Vielleicht sollte man da mal nachhaken…
Vielleicht sollte man nicht gleich davon ausgehen, dass sie im Sand gespielt haben…
Vielleicht läuft man besser ein Mal mehr ums Haus und hält nach einer Grube ausschau…
Vielleicht schaufeln Kinder im Hinterhalt ein Grab…
„Willkür“ steht ihnen auf die Stirn tätowiert.
Und auf den rechten Unterarm „Justin“.
Und auf den linken „Bindestrich Pascall“.

Ohne Moral, tötet ein Kind gewissenlos,
ohne ausgeprägte, ausgelebte Sexualität hat ein Kind andere Fetische.
Welcher normale Mensch steht schon vor 7 auf?
Welcher normale Mensch weint um Thorsten Frings
auf einem zerrissenen Fußballbildchen?
ICH WILL ABER!
Welcher normale Mensch tut wirklich das, was er will?
Sie erscheinen körperlich schwach,
doch ihr Wille ist stark!
Welcher normale Mensch würde für eine Milchmaus sterben?
Welcher normale Mensch gäbe sein Leben für ein eigenes Go-Kart?
Welcher normale Mensch steht auf Eierfärben?
Welcher normale Mensch trinkt kein Bier zum Dart?

Marvin ist 4 Jahre alt.
Morgens, wenn sein Vater ihn weckt, steht er sofort auf,
ohne die Snooze-Taste zu drücken.
Er hat mindestens 9 Stunden ununterbrochen und unerbrochen durchgeschlafen.
Ihm reichen 18 Schokoflakes um den Vormittag zu überstehen.
Gestern hat ihm sein Vater eine Knarre aus Holz gebaut,
die will er heute Hauke zeigen.
Von ganz nah…
Aber spielen wird der damit bestimmt nicht dürfen!
Sein Vater weiß nichts davon,
dass er eine Foltermaschine erschaffen hat,
denn auch Hauke würde für ein Mal Knarre halten fast alles tun!
Um genau zu sein beißt er sich nach Aufforderung von Marvin
Selbst in den Arm und sagt der Kindergärtnerin, Marie hätte ihn gebissen.
Dann darf er ein Mal halten.
Haukes Vater weiß nicht, dass sein Sohn später Mittelalterrollenspiele
Als seine Berufung ansieht.

Der Kindergarten ist für Marvin wie das Koks für seine Mutter.
Jeden Morgen kann er sich den Quatsch reinziehen,
der ihn irgendwie am Leben erhält, wenn auch ungesund-
Schon sieht er Marie und Petra in der Puppenecke imaginären Griesbrei kochen.
Er stellt sich daneben und brät provokant ein imaginäres Steak
Und hat das Gefühl, dass sich seine Beziehung zu Frauen
Auch in den nächsten 30 Jahren nicht großartig wandeln wird.
Die Mädchen plaudern über die Wendy,
die jetzt auch keine mageren Pferde mehr zeigt,
weil ja dicke genauso gut retuschiert werden können, wie dünne.
Und außerdem ist Supersize das neue Rennpferd im stall,
weil wenig essen kann ja jeder!
Petra schüttet imaginäre Sahne neben den Griesbrei
Während Petra spielt als sei sie krank und müsse sich hinlegen.
An der Stelle wittert wiederum Marvin seine Chance,
Petra das neue Fieberthermometer zu zeigen,
es würde ihr gefallen, sie solle ihm vertrauen.
Und auch Petra hat den Eindruck,
dass sich an ihrer Beziehung zu Männern in den nächsten 30 Jahren
nicht viel ändern wird.
Marvin schaut auf die Uhr –kurz vor Mittagsschlaf-
nicht dass er nicht auf die Prinzessinenfolge von Bibi und Tina stehen würde…
…aber irgendwie macht ihm die Geigenmusik im zweiten Viertel Angst…-
und diese Hexe sei eine Ausgeburt der Hölle sagt Jonas Mutter
und sieht dabei ganz schön gut aus.
Was Marvin erst 13 Jahre später auffallen wird ist,
dass Gutaussehende zu sehr damit beschäftigt sind gut auszusehen
und es immer schwierig ist wahre Schönheit anzutreffen.
Marvin rennt raus in den Hof
Um vor dem Mittagsschlaf und dem Kind
mit dem abgeklebten Auge zu flüchten.
Was sich hinter dem Pflaster mit pinken Dinosauriern verbirgt,
will er überhaupt nicht wissen.
Aber er geht davon aus, dass sich dort was verbirgt,
sonst könnte man es ja nicht abkleben.
Er flüchtet sich also in den Sandkasten,
steckt sich eine Hand voll in den Mund,
schluckt, würgt, und sitzt die nächsten 5 Minuten stocksteif da,
mit gespreizten Fingern, den Ekel ins Gesicht geschrieben,
bis Marianne kommt und ihn auf dem Arm rein trägt,
ihm den Mund auswäscht und seiner Mutter die Diagnose ADS überbringt.
Marianne mag die Sorte Mädchen die Bilder stecken
Und zu introvertiert sind sich ein zweites Mal Essen nach zu schöpfen,
die rosige Wangen haben und auch Blumen scheißen,
die Klettverschluss ablehnen und sich die Schuhe schnüren lassen,
dann kann Marianne den Trick mit den 2 Hasenohren machen,
die sich verknoten. Dann muss sie immer lachen.
Sagte ich, Kinder sind gestört?
Vielleicht sind sie das ja nur, weil Marianne gegen den Supertoy-Club ist,
mit ihrem Mann eine Werkstatt für Holzspielzeug betreibt,
kein Risiko eingeht ein Kind auf ihren Schoß zu nehmen,
weil die Presse von Missbrauch reden könnte,
das würde sie beim besten Willen nicht aushalten.
Vielleicht weil sie ausschließlich Produkte von Weleda benutzt
Und blinkende Turnschuhe verbietet,
vielleicht weil sie nur Bücher mit Auszeichnung vorliest
und jede Woche ein neues Fieberthermometer für die Puppenecke kauft,
weil das Alte wieder mal auf mysteriöse Weise verschwunden ist.
Vielleicht weil ihre Stirn immer speckig glänzt
Und sie seit sie 4 ist Akne hat?
Weil sie Teppiche mit Auto- Parcours drauf verbietet
und den Begriff „Hot-Wheels“ nicht mal kennt.
Kinder sind gestört.
Kinder sind gestört und unheimlich.
Man muss nicht „The sixth sense“ gesehen haben um zu wissen,
dass sie mit Toten befreundet sind.
Kinder werden wie Marianne, wenn sie nicht ab und zu Sand fressen.