Ich empfing ihn unter Linden, die kreidebleich im Eis standen. Bei minus 7 Grad fuhr Benjamin, der gefürchtete Mathematik-Könner, da logisch und hinzu noch kreativ begabt, mit dem Mittelfinger Funktionsschaubilder nach. Seine Mitschüler erwarteten, dass er in naher Zukunft die Weltherrschaft an sich reißen würde. Diese Umstände ließen mich ihn als Mathe-Nachhilfe anstellen, jeder Führer braucht einen Komplizen. Darüber konnte er nur lachen, doch meine Absicht war todernst. Akzeptabel war nur neutrales Terrain, das heißt unangefochtene Landschaft, Bank, Baum, draußen. Ich verstand schnell, hatte stets gespitzte Bleistifte, doch ihm lief oft die Nase und er benutzte Wörter wie „Biorhythmus“, „prämenstruell“, „Oder-Neißer-Grenze“, „elitär“, „bilingual“, „alternierend“, „deplatziert“ und „frivol“ viel zu häufig. Schnell ertrug ich seine Person nicht mehr, wollte aber meine Position direkt neben ihm an der Macht nicht nur wegen solch infantiler Gründe aufgeben.
Wir stiegen auf Online-Nachhilfe um, was ihm ohnehin gelegen kam, da er nach Erding ziehen würde, wenn es mir nichts ausmache. Das ging auch einige Monate gut, bis ich merkte, dass Macht auch auf Frauen anziehend wirkt, die nur seinen Körper und keine Mitgift verlangten.
Kreidebleich stand er unter Linden, die ihm womöglich als Tarnung dienten, neben seinem Haus und neben sich und empfing Vorwürfe meiner sich nur geringfügig verbessernden Schulnoten. Seine körperliche Abwesenheit würde mich peripher tangieren, doch dass seine geistige Zuwendung nachließe, beziehungsweise „alterniere“, ich mir meiner Position nicht mehr sicher sei, deshalb nicht schlafen könne und mein „Biorhythmus“ dadurch vollkommen außer Kontrolle gerate. Ich könne ihm mein Anliegen auch „bilingual“ schildern…- Er verstand und meinte dass er dieses Verhalten kenne, ich solle mir keine Sorgen machen, meine Phantasie spiele mir einen „elitären“ Streich, ich stände unter „prämenstruellem“ Druck, was meine „Frivolität“ erkläre. Ich meinte er solle die Fresse halten.
Eine Nacht versprach ich zögernd zu bleiben, aufgrund des siebzigsten Herbstfestes in Erding. Ich war informiert und begeistert vom bevorstehenden Blumenkorso, schönsten Hengsten, Stuten und dem Ochsenrennen. Der Plan, wie er mich darum bitten würde eine Nacht zu bleiben, stand schon Tage zuvor fest: Jemandem ein Kind anzuhängen macht denjenigen wohl nachdenklich und derjenige musste, zu meinem Glück, darüber eine Nacht schlafen.
Das Blumenkorso entsprach einer abstoßend kitschigen Angelegenheit und zu meiner großen Enttäuschung brachte kein Teilnehmer auch nur eine Blume zum Hupen.
Ich motzte es sei wie in der „Wisteria Lane“ bei den verzweifelten Hausfrauen, hinter der Fassade wäre alles veraltet und die Perfektion bekäme Risse und er sei das schwule Paar das nebenan nur noch offensichtlicheres Unheil im Schilde führte, er solle sich eine Schürze anziehen und Macadamia-Kekse backen.
Als ich einige Weißbiere später und 16 Weißwürste voller gestand, dass er nicht Vater werden würde, war er so erleichtert, dass er beim Ochsenrennen teilnahm und sogar beim Stuten-Schönheits-Wettbewerb von mir verlangte gebürstet zu werden, damit sein Fell schön glänze. Immer mehr wurde er zum Tier und blökte vor sich hin und mit erschreckter Miene stellte ich fest, wie schnell man die eigene Sprachmelodie im Sumpf einer anderen Kultur verlieren konnte. Ich weiß bis heute nicht, ob ihm die Hefe oder der Weizen zu schaffen gemacht hatte, auf jeden Fall verhielt er sich eigenartig und ich ertrug seine Person nicht mehr.
Der Tag war irgendwann alt geworden, die Knochen taten uns beiden weh, ihm wegen der Ochsen, mir wegen des vielen Sitzens auf den Ochsen. So warf ich meinen Hut ins verstummte Blumenkorso, prustete den Uwe (unten wird’s eklig) irgendeines Biers neben den bayrischen Dialekt unter die Weißbierbank und trug Benjamin endlich ins Bett, dessen Unterkiefer unkontrolliert neben Uwe rumgewackelt war und nun laut „Unsre Uni brennt“ hervorstieß. Ich stieg vorerst nicht auf sein „Gelalle“ ein und fand es unfassbar charmant ihn mit bayrischen Klischees aufzuziehen. Im Hinterkopf immer die bevorstehende Macht dank seines Genies, also wurde ich nicht zu garstig. Auf dem Weg nach Hause kotzte ihm mein betrunkenes Hirn Lederhosenwitze en masse vor die Füße, und dass er zu wenig Waden für den Trend hätte, sagte ich auch. Doch er fühlte sich ersichtlich wohl, so viel ich auch motzte, er wurde hier in Erding anscheinend gebraucht und wenn man gebraucht wird, dann fühlt man sich sinnvoll benutzt, etwa wie ein Müslispender, ein Ei-Köpfer oder das Stück Tageszeitung unter dem Hasenkäfig.
Schon bald roch sein gesamtes Schlafzimmer nach Alkohol-Transpirant und dank der ungepökelten Wurst nach vergammeltem Fleisch. Also zog ich ihm mit spitzen Fingern Pelle aus den Zähnen um schlimmeres zu vermeiden, machte den Mund mit Zahnpasta voll und legte Erfrischungstücher, die ich neben den übrigen Frühlingsrollen der letzten Fete gefunden hatte, auf seine Brust. Da lag er wie eine Schnapsleiche und sein Schluckauf „Unsere Uni brennt“ ging in einer Wehe des Schlafes unter.
Eine passende Gelegenheit für mich, meiner zukünftigen Umgebung gewahr zu werden, die Schwächen des Oberhauptes zu erkennen, um einen Putsch in nächster Nähe zu gewährleisten. Ich klaute Benjamin ein Dirndl aus dem Schrank und schlief auf der restlichen Wurstpelle ein. Warum er ein Kleid besaß rechtfertigte ich mit neureichem Traditiosgehabe, sowieso ertrug ich seine Person viel mehr als ich eigentlich vorhatte es zu ertragen. Vielleicht war es auch das was man als „Ausländer“ für München empfand: Manchmal braucht man einen Platz neben der potentiellen Weltherrschaft um den eigenen Rausch auszuschlafen.
Sonntag, 28. Februar 2010
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